27. Juni 2026
Groß oder klein: „Fußhupe vs. Kalb“
Von großen Erwartungen und kleinen Realitäten
Beides und auch alles dazwischen hat seine absoluten Liebhaber. Wir lieben natürlich alle unser Wölfchen, aber es gibt klare Unterschiede zwischen den Gewichtsklassen. Und um ehrlich zu sein: Manche davon wollte ich selbst nicht so ganz wahrhaben, bevor ich meine erste kleine Maus adoptiert habe.
Meine erzieherische Ausgangsposition war das exakte Gegenteil von klein. Aufgewachsen bin ich mit großen Hunden, echten „Kälbern“: Boerboel, Irish Setter, Alaskan Malamute, Tschechoslowakischer Wolfshund und Siberian Husky. Das war mein Normalzustand, meine Komfortzone. Und nun? Nun bin ich die Adoptivmama einer kleinen Hündin, wahrscheinlich ein Västgöterspets (Schwedischer Vallhund).
„Wahrscheinlich“ deshalb, weil sie als Mischling aus dem Tierschutz zu mir kam. Ich bin erst später zufällig im Netz auf diese Rasse gestoßen, und es passt einfach exakt alles – vom Aussehen bis zum Verhalten. Ob es ein genetischer Zufall ist oder nicht, ist am Ende völlig Wurst. Die Rassen dienen hier nur dazu, dass man die Größen ein wenig einordnen kann. Groß war mein Startpunkt – und erst jetzt, mit der kleinen Frieda an meiner Seite, kann ich den echten Vergleich ziehen.
Die Theorie und das entscheidende „Wenn“
Ich habe früher immer felsenfest die Meinung vertreten: Ein kleiner Hund, wenn er genau so konsequent wie ein großer Hund erzogen wird, ist im Alltag absolut entspannt. Er verhält sich wie ein ganz normaler Hund, zeigt keine Neurosen und kläfft nicht an der Leine.
Und was soll ich sagen? Ich hatte natürlich vollkommen recht!
Aber – und das ist das größte, fetteste Wenn meines bisherigen Hundelebens: Was ich in der Theorie nicht mit eingerechnet habe, ist die menschliche Natur. Genauer gesagt: mein eigenes Handeln. Ich mache es nämlich oft nicht so, wie ich es theoretisch besser weiß. Warum nicht? Weil der Alltag mit einer sogenannten „Fußhupe“ eine völlig andere psychologische Dynamik hat.
Der fehlende Druck der Umwelt
Der erste Grund liegt bei unseren Mitmenschen. Niemand hat Angst vor einem kleinen Hund. Meine Husky-Hündin musste damals perfekt parieren, unter anderem weil viele Menschen Respekt oder schiere Angst vor ihr hatten. Ich musste zu einhundert Prozent sichergehen, dass ich sie absolut unter Kontrolle habe, wenn ich ihr Freiheit schenken wollte. Wenn die kleine Frieda heute jemanden anbellt oder gar anspringt, findet das fast jeder süß oder lustig. Der erzieherische Druck von außen fehlt einfach völlig.
Dazu kommt das physische Handling. Wenn Frieda an der Leine zieht, falle ich nicht um. Das ist ein gewaltiger Unterschied zu einem Hund, der 45 Kilo auf die Waage bringt. Wenn so ein Riese in die Leine springt, geht es um nackte, physische Kraft. Ein großer Hund muss erzogen sein, sonst sind die Probleme im wahrsten Sinne des Wortes riesig. Man sollte der Masse des Hundes körperlich gewachsen sein – denn sie kommen nun mal nicht fertig erzogen auf die Welt.
Ein völlig neues Gefühl: Die nackte Angst
Und dann ist da noch ein Faktor, den ich früher überhaupt nicht kannte: Angst. Ich bin wirklich erfahren im Umgang mit Hunden. Selbst wenn mal ein anderer Hund auf meine großen Hunde losging, kannte ich die richtigen Handgriffe, um sie zu trennen. Ich wusste instinktiv, dass absolute Ruhe der beste Ansatz ist.
Jetzt ist mein Hund klein. Anderer Hund, andere Regeln. Und plötzlich ist da dieser fundamentale Unterschied: Wenn der gesamte eigene Hund theoretisch in das Maul des Gegenübers passt, kann jeder noch so kleine Konflikt sofort tödlich enden. Das verändert die eigene Psychologie komplett.
Früher konnte ich meine große Aurora perfekt lesen. Sie war groß genug, um sie im Freilauf immer im Blick zu haben. Der ,wir nennen es Mal, Winkel beim Spazierengehen war einfach besser, um die gesamte Mimik und Gestik sofort zu erfassen. Ich habe Begegnungen immer dann geblockt, wenn ich sehr starke Anspannung oder Nervosität sah – so s, dass sie Hündin diese Begegnungen anfing von selber zu meiden. Daher kam es auch fast nie zu kritischen Situationen. Und wenn doch, war sie extrem souverän und Aurora hat sie ohne Aggression oft selber gelöst.
Heute ertappe ich mich manchmal in Situationen, die ich früher belächelt hätte: Ich rufe panisch nach meinem Hund, obwohl sie direkt neben meinem Bein steht.
Der Sprung über den eigenen Schatten
Mittlerweile zwinge ich mich sehr oft, anders und besonnener zu handeln. Und es funktioniert gut! Aber intuitiv war es am Anfang eben erst einmal nicht mehr.
Wenn man als Hundeanfänger startet, ist ohnehin erst einmal gar nichts intuitiv. Da kann ich nur empfehlen, sich selbst genau zu beobachten. Wir sind alle Menschen. Auch wenn wir uns noch so sehr informieren und in der Theorie alles perfekt beherrschen: Wir haben Gefühle, und diese Emotionen blockieren im Bezug auf unsere Hunde oft das richtige, rationale Handeln.
Kleinere Fehler verzeiht die Umwelt bei einem kleinen Hund zwar schneller, weil eben niemand Angst hat. Aber als Halter muss man die Fähigkeit mitbringen, langfristig über den eigenen Schatten zu springen. Wenn man selbst zu nervös, zu ängstlich ist, den Hund bei jeder Sichtung eines Artgenossen sofort hochhebt, ohne ihn den Situationen überhaupt auszusetzen, nimmt man ihm jede Chance, seine eigenen Ängste zu überwinden. Wer nur vermeidet, statt zu erziehen, erzieht sich am Ende genau das, was niemand will: einen nervigen Hund.
Und wenn wir ganz ehrlich sind: Der Hund kann dafür am allerwenigsten. Seine Größe übrigens auch nicht.
